Segeln

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Aus Warnemünde waren am 1. Mai 1945 sämtliche Fischkutter geflüchtet. Am Warnemünder Segel Club lag nur das manövrierunfähige Taucherboot des Tauchers Köbbert. Den hölzernen Bootskran hatte eine Panzergranate der Sowjets getroffen. Für Reparationsleistungen sollten in den nächsten Wochen alle Segel- und Motorboote gemeldet und an die Sowjets abgeliefert werden. Aber niemand meldete sich. So blieb der Ablieferungsbefehl in Warnemünde erfolglos. Ein weiterer Befehl lautete, dass jeglicher Bootsverkehr auf dem Strom verboten war. Es hielt sich jedoch kaum jemand daran. In Krögers Bootswerft lagen unvollendete hölzerne Sprengboote. Sie waren für militärische Kamikazeeinsätze gedacht. Mit den Booten konnte man aber noch rudern, was schließlich schon so etwas wie Wassersport war. Doch jetzt wurden noch alle Boote zum Fischen und Angeln genutzt. Das war unter anderem dadurch möglich, weil ein ganzer Waggon Angelhaken auf dem Warnemünder Güterbahnhof ausgeplündert werden konnte. Auch mit Handgranaten wurde gefischt.

Als 1947 erste Sportsegeljollen wieder auf dem alten Strom kreuzten, wurde mit ihnen mehr geangelt, als gesegelt. Der Hunger war größer, als der Segelsporttrieb. 1948 aber gab es immerhin schon um die 25 Segelfreunde, die sich drüben beim Kater, dem Wirt des Segler Club Hauses, trafen und von besseren Zeiten träumten.

Der Wirt des Seglerheimes hieß natürlich nicht Kater, sondern Alfred Gornitzka und war einst Koch auf der Yacht des Kaisers. Das bedeutete, der Kater konnte vorzüglich kochen. Selbst in der Hungerzeit nach 1945. Übrigens ein ganz eigenwilliger Herr, der nur die Gäste bediente, deren Nase ihm gefiel. Später, als das Seglerheim geschlossen wurde, und die Seepolizei hier Quartier bezog, übernahm er die fast verfallene Gaststätte Salzmann in der Alexandrinenstraße. Hierhin zogen auch die Segler, die zwei Jahre ohne Clubheim auskommen mussten. Legendär der Stammtisch mit dem Knurrhahnstander, an dem nur WSC Segler sitzen durften.

Zu den jungen und älteren Herren, die sich drüben im Segelclub sporadisch trafen, gehörten die Gebrüder Wolfhard und Gernot Eschenburg, Professor Alfred Krause von der schiffbautechnischen Fakultät der Universität Rostock, Günter Böckenhauer, Otto Ewert, Uhrmachermeister, ex Oberst Friedrich Weidemann, ein alter Militär mit Monokel und kaiserlichen Manieren. Sprich ein Mann mit seglerischem Traditionsbewusstsein. Weiter dabei waren noch Teddy Bey, Schiffbauingenieur und Technischer Direktor der neuen Warnowwerft, Erich Schoop, Kapitän Paul Lass, Schiffbaumeister Hans Adolf Schütt, Schiffbaukonstrukteur Hans Werner Saß, Gerhard Martens, Günter Heimhardt, Eiskonditor Hannes Hübener, Kaufmann August Müller, Bootsbauer Klaus Vitow und einige andere mehr.

Aus diesem Kreis heraus wurde im Dezember 1949 der neue Warnemünder Segel-Club gegründet, der sich aber so nicht mehr nennen durfte, da seine Vergangenheit der neuen Parteiadministration zu bürgerlich war. Da sich ein Segelverein nur innerhalb einer Betriebssportgemeinschaft (BSG) gründen durfte, hieß der WSC anfangs BSG Anker Sektion Segeln. Der Name Sektion Segeln blieb bis ans Ende der DDR-Zeit, aber die Betriebssportgemeinschaft Anker musste sich schon bald in BSG Motor Warnowwerft umbenennen.

Die zentrale Sportgemeinschaft Motor bediente damals alle Stahl- und Maschinenbaubetriebe der DDR. Kompliziert vielleicht, aber was war damals nicht kompliziert? Erster Vorsitzender, oder wie man damals sagte Sektionsleiter, wurde Werftkapitän Paul Lass. Er steuerte die junge Kogge durch das noch nicht genau gekennzeichnete Fahrwasser.

Die Werft hatte zur Gründung ihrer Sektion Segeln drei volkseigene Jollen beigesteuert. Zwei Piratenjollen und ein umgebautes Arbeitsboot. Die Boote wurden in der Saison fast Tag und Nacht gesegelt. Immer mit wechselnden Besatzungen. Die Segler mussten schon zu früher Morgenstunde am Club sein, um eine Jolle zu erhaschen. Während den Piraten „Luv“ und „Lee“ ein langes Leben beschieden war, segelte die Jolle „Seekuh“ nur zwei Sommer. Dann kenterte sie an der Warnemünder Ansteuerungstonne und ging unter. Zwei Mädchen hatten das Boot gesteuert. Sie konnten in letzter Minute gerettet werden. Aber, wie Inge Seedorf als Skipperin später zu Protokoll gab, hatte sie große Angst. Das damals noch junge Mädchen segelt auch immer noch, und zwar auf dem Seekreuzer „Alte Liebe“, und sie heißt heute Inge Ziehe.

In Warnemünde begann nach der Gründung der Sektion Segeln ein kleiner Bootsbauboom. Ein gewisser Jochen Kamrath baute sich eine Scharpiejolle. Aus Kistenbrettern. Seine Mutter nähte aus alten Laken und Bettbezügen die dazu gehörenden Segel. In Kühlungsborn hatten die Sportfreunde Eschenburg und Prof. Krause zwei kleine Küstenkreuzer in Auftrag gegeben.

Der Eiskonditor Hannes Hübener baute sich ebenfalls aus Kistenbrettern einen Knickspantjollenkreuzer. Hans Werner Sass und Addi Schütt ließen sich in Kühlungsborn sogenannte E-Jollen bauen. Klaus Vitow kreuzte mit einer selbstgebauten H-Jolle auf. Otto Ewerts Kajütboot mit Klüverbaum kaufte Gerhard Martens.

In den nächsten Jahren erwarb die Warnowwerft für ihre Segelsektion weitere acht Piratenjollen. Um 1952 war die immer noch einsturzgefährdete Steganlage am alten Strom nahezu voll mit Booten belegt. Hans Ziehe hatte sich einen Küstenkreuzer aus Ribnitz gekauft.

Professor Krause war sein neuer Küstenkreuzer nicht schnell genug und er ließ sich einen Vertenskreuzer bauen. Günter Heimhardt baute sich eine Piratenjolle. Es war eine Zeit des Aufbruchs mit sehr vielen schönen aber auch einer Reihe weniger schönen Erlebnissen. Überall musste mit Provisorien gearbeitet werden. Kompliziert war das Slippen der Yachten. Mit den Jollen kein Problem, sie wurden über die Felsen der Mole an Land gezerrt. Die Seekreuzer waren mit besten Willen nicht ohne Hebegeschirr an Land zu bekommen. Zwei Jahre wurden die Boote sogar mit einer Ramme aus dem Wasser gehievt und über Holzrollen in die Winterstandplätze gezogen. Die Werft stellte dafür einen Traktor des Typs Aktivist zur Verfügung. Jedes Boot musste von mindestens zehn Seglern auf jeder Bootsseite gehalten werden, damit es auf den Holzrollen nicht umkippte. Später kam der Werftschwimmkran in den alten Strom und holte die Boote aus dem Wasser oder setzte sie wieder ein. Dann kam der heutige Derrikkran. Slippen war immer ein Gemeinschaftseinsatz, an dem sich alle Mitglieder beteiligten.

1957 bekam die Sektion Segeln Motor Warnow Werft drei 30-Quadratmeter-Seekreuzer von der Werft zur Verfügung gestellt. Auf dubiose Art hatte der Werft Kooperationsingenieur Uli Prieß davon erfahren, dass drei Kreuzer auf der Bootswerft Rechlin ungenutzt herumstehen. Sie waren für einen kanadischen Kunden gedacht. Dieser aber hatte die Yachten nicht abgenommen. Im Bootskörper waren zum Teil eiserne Nieten und Bolzen verarbeitet worden. Der Preis, den Uli Prieß ausgehandelt hatte, betrug vier oder fünf Piratenjollen, die Rechlin für ihre Segler auf der Müritz dringend brauchte.

Der Deal kam zustande. Mit ihm bekam die BSG noch das Wrack eines 80-Quadratemeter-Seekreuzer aus Rechlin überschrieben. Wie es dahin kam, war nicht bekannt. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Yacht der Militärfliegerei des 3. Reiches. In Warnemünde wurde die neu ausgebaute Yacht auf den Namen „Orion“ getauft. Der Preis zwei Piratenjollen. Warnemünde besaß vier, wie man damals sagte, volkseigene Seekreuzer und Rechlin weitere Piraten.

Etwa zur gleichen Zeit wurde die 100-Quadratmeter-Yacht „Rostock“ an die Warnemünder Sektion Segeln überschrieben. Die Hochseeyacht kam auf Umwegen über die Segelschule auf der Insel Vilm nach Warnemünde. Sie galt als das Flaggschiff der Warnemünder Segler.

4 Antworten auf „Segeln“

  1. hallo zusammen,

    schöne, sachliche chronik! ich möchte um eine kleine korrektur bitten.

    „Die erste und gleichzeitig letzte Yacht, die 1945 noch ins Wasser gesetzt wurde, war ein kleiner Küstenkreuzer vom Autounternehmen Hermann Lehmann“

    dieses autounternehmen hieß zu der zeit noch Gustav Lehmann und das noch mindestens bis mitte der 70iger jahre. alles andere zu diesem abschitt ist auch mir als enkel gustav lehmanns und neffe hermann lehmanns, der später dann das autounternehmen als taxiunternehmen weiterführte, so bekannt

    1. hallo martin,

      vielen dank für die freundliche reaktion und allen warnemünder seglern wünsche ich: immer eine hand breit wasser unterm kiel!

      mfg

      guido weiland

  2. Mit Interesse habe ich die Chronik gelesen. Viele der Namen, der erwähnten Personen sind mir aus den Erzählungen meines Vaters Anton Hansmann bekannt. Er war vor dem 2. Weltkrieg Mitglied im Klub und wohl auch noch kurze Zeit danach. Aus seinen Erzählungen weiß ich einiges über diesen Segelklub und bin als ganz kleines Kind auch noch mit beim Kater gewesen. Irgendwann Ende der vierziger oder Anfang der fünfziger Jahre ist er zu dritt unter anderem mit August Müller mit dem Segelboot geflohen. Die dritte Person ist mir nicht mehr bekannt. Ich selbst wohne in Eckernförde und bin Mitglied im ESC – Eckernförde und bin am und zu mit dem Boot im schönen Warnemünde. Vielleicht erinnert sich ja noch jemand an meinen Vater, der 2005 verstorben ist.

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